Wie gesagt liebe ich öffentliche Verkehrsmittel. Besonders Züge und dann am liebsten internationale Fernzüge mit Grenzüberquerung. Also zum Beispiel Moskau-Kiew. Oder eben Kiew-Berlin: Während bei Moskau-Kiew die Spannung durch die russischen Grenzer erzeugt wird – irgendwie geben sie einem immer das Gefühl, daß man etwas falsch gemacht hat oder die falschen Dokumente dabei hat – ist es bei Kiew-Berlin die Tatsache, daß man aus einem Nicht-EU-Land (Ukraine) in die EU (Polen) einreist und es ist ganz spannend, wie die von außen aussieht.
Mein Zug aus Kiew fuhr morgens los und war gegen 16.00 Uhr in Sarny, das ist eine Stadt in der Westukraine, etwa 200 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. In diesen Zügen gibt es Coupes und ich war bisher alleine in meinem gewesen, was ich auch gut fand.
Leider war die Steckdose in dem Kasten über dem Waschtischchen kaputt, so daß ich mein Handy nicht aufladen konnte. Auf Nachfrage meinte der Schaffner, daß ich es im Schaffnerabteil aufladen könnte, aber erst „später“.
In Sarny stieg jedenfalls eine junge Frau zu, bepackt mit diesen typischen Plastiktaschen, mit denen man auf den Markt geht und in die so schön viel reinpaßt, die aber selber nur ganz wenig Platz brauchen, wenn sie leer sind. Ich hab vergessen, wie die heißen.
Die Frau meinte dann, daß sie schon in Lublin wieder aussteigt und daß ich dann das Abteil wieder für mich habe. Ich wußte nicht genau, ob Lublin in der Ukraine oder schon in Polen liegt, aber war jedenfalls froh, daß ich zum Schlafen wieder meine Ruhe haben würde. Ich habe also entspannt weiter Musik gehört, mir durch das Fenster die Ukraine angeguckt und war dabei ziemlich in Gedanken versunken. Irgendwann habe ich gemerkt, daß die Frau überdurchschnittlich oft raus- und reinging und außerdem zur Gepäckablage hochkletterte und da an den Decken und Kissen rumschob, obwohl sie die doch gar nicht brauchen würde. Dann öffnete sie eine ihrer Taschen und holte eine Stange Zigaretten heraus. Und dann eine zweite. Und dann noch eine. Und noch eine und noch eine und irgendwann wurde mir klar, daß das mehr ist, als die EU zollfrei einreisen läßt. Sie ging aus dem Abteil und kam mit einem Schraubenzieher in der Hand wieder zurück, mit dem sie den Kasten über dem Waschtischchen aufschraubte, den sie dann mit Zigarettenschachteln vollstopfte und wieder zuschraubte. Dann bat sie mich, aufzustehen, da sich in der Wand hinter mir ein weiterer Hohlraum befand, den sie mit Zigaretten füllen wollte. Danach nahm sie Teile der Deckenverkleidung ab und schob ein paar Stangen hinein. Ein paar andere Frauen kamen hin und wieder vorbei, brachten noch eine Tasche oder steckten einzelne Schachteln in Polsterritzen und besprachen sich mit der jüngeren Frau über den Stand der Dinge. Als alle Möglichkeiten im Abteil genutzt waren, ging es im Gang weiter: Unter der Heizung, über den Fenstern und vermutlich eine ganze Menge auf der Toilette. Dabei waren sie eher wenig bemüht, es vor den anderen Passagieren geheim zu halten und vor den Schaffnern übrigens auch nicht: Wenn ich mich nicht irre, war einer von ihnen auch auf der kleinen Wurst-und-Wodka-Party, die zwischendurch im Nachbarabteil veranstaltet wurde.
Dann waren wir an der Grenze. Die ukrainischen Zöllner fragten, ob wir etwas zu deklarieren hätten und leuchteten mit der Taschenlampe einmal unter die Sitzbank, wo meine Reisetasche stand. Danach kamen die Polen in unkommunistisch aussehenden Uniformen und mit einem elektronischen Lesegerät für die Reisepässe. Wir hatten nichts zu verzollen. Unter der Sitzbank war auch nichts. Nachdem wir ein Stück weitergefahren waren, begannen die Frauen, ihre Zigaretten wieder einzusammeln. Ein paar polnische Bekannte, die mittlerweile zugestiegen waren, schauten zu. Der Kasten über dem Waschtischen ließ sich nicht mehr richtig zuschrauben, was aber mit einem Stück Tesa-Film ausgeglichen wurde. In Lublin stieg die junge Frau mit den Polen aus, die älteren Frauen holten die letzten Taschen aus meinem Abteil in ihres und ich durfte mein Handy bei den Schaffnern aufladen. Morgens um 8 Uhr waren wir in Berlin.



